Warum der Google Reader sterben musste

Seitdem ich aktiv im Internet zugange bin, nutze ich den Google Reader für meinen täglichen Nachrichtenüberblick. Schön sortiert warten hier meine Lieblingsblogs nur darauf, von mir gelesen zu werden. Ebenfalls mit an Bord die hundertdrölf anderen Blogs und News-Seiten, welche ich abonniert habe, um mir ein Gesamtbild des Internets der letzten Tage machen zu können.

Als Google bekannt gab, dass sie den Google Reader Ende Juni vom Netz nehmen werden, war meine Fassungslosigkeit groß. Klar, der Reader wurde seit längerem nicht mehr wirklich weiter entwickelt und angeblich nutzten ihn auch gar nicht mal so viele Menschen, aber ihn deshalb einfach einzustellen – unmöglich! Ich sah mich nach Alternativen um, fand Feedly, einige andere mehr oder minder schöne, meist eher funktionale RSS-Reader, war von Feedly sogar recht angetan, aber so wirklich warm wurde ich mit keinem der neuen RSS-Reader, die sich mir darboten. Im Internet hatte man sich derweil vom ersten Schrecken erholt und man munkelte, dass durch den Wegfall des Google Readers andere RSS-Reader einen Aufschwung erleben.

Ich will hier nicht weiter darauf eingehen, ob RSS tot oder lebendig ist. Ich vermute aber, dass Google seine Schritte sehr weise plant und möglicherweise mehr über uns weiß, als wir selbst. Zumindest, wenn es um das Verhalten der Massen geht. In meinem Freundeskreis nutzt niemand den Google Reader, genauso wenig in meiner Familie. Meine Arbeitskollegen, alles webaffine Menschen, nutzen ihn. Und da liegt der Hund begraben: Ich behaupte, dass Google genau weiß, wie die Menschen reagieren werden, wenn ihnen der Google Reader genommen wird. Genau so wie ich selber reagierte.

Google+
Die typische Stream-Ansicht von Google+

Nach dem ersten Aufschrei und nach einigen Tagen mit Feedly ertappte ich mich immer öfter dabei, dass ich plötzlich gar keine Feeds mehr lese. Nach einer Schreckenssekunde und dem hastigen Durchscrollen der letzten News im Google Reader, merkte ich, dass ich all das, was dort stand, schon längst wusste. Wie das?

Statt mich mit neuen Feed-Readern anzufreunden und mir die Mühe zu machen, hier etwas anständiges und bodenständiges zu finden – denn Google hatte nun die Angst in mir geschürt, wenn auch nur unterbewusst, dass jeder Webdienst morgen eingestellt nicht mehr da sein könnte – griff ich auf Altbewährtes zurück. Und das war Google+. Genau das ist die Marschrichtung, die Google vorgibt und erstaunlicherweise folgen sehr viele schön brav. Google+ bietet mir alles, was ich von meinem Feedreader gewohnt war, ja, sogar noch viel mehr. Ich kann aktuelle Beiträge von den Menschen oder Seiten, welche mich interessieren, lesen. Ich kann in den Angesagten Beiträgen lesen, was die Welt bewegt. In Communities kann ich mich über bestimmte Themen informieren. Dazu kann ich kommentieren und weiterteilen (Anmerkung: Diese Funktionen wurden schon vor einiger Zeit aus dem Google Reader gestrichen und stattdessen durch Sharing-Buttons zu Google+ ersetzt).

Alles in Allem müsste ich also mit Google+ vollkommen zufrieden sein. Müsste. Leider fehlt mir derzeit die Möglichkeit, alle Beiträge zu sehen, am Besten sogar in chronologischer Reihenfolge, als gelesen zu markieren und wichtige Beiträge nicht zu verpassen. Google+ bietet derzeit die Möglichkeit, sich über bestimmte Nutzer, Seiten oder Communities per Benachrichtigung informieren zu lassen. Diese Funktion ist derzeit allerdings noch nicht wirklich ausgereift, da sich bei maximal 10 angezeigten Benachrichtigungen im Notification-Center die anderen schnell mal in der Versenkung verlieren. Das ist schade und ich bin mir sicher, dass Google hier weiterhin daran arbeiten wird. Andererseits ist es im Grunde gar nicht schlimm, dass ich nicht alle Beiträge zu sehen bekomme. Google filtert hier vor und zeigt mir nur, was mich interessieren könnte.

Der schmale Grad zur Zensur und einem beschönigten Internet ist hier verdammt schmal. Dennoch war ich beim Google Reader stets damit beschäftigt Herr meiner ganzen ungelesenen Beiträge zu werden und seien wir mal ehrlich: Mit einem leer-gelesenen Feed-Reader schläft es sich einfach besser. Meiner war jeden Abend noch halb voll.

Ich könnte mir also durchaus vorstellen, dass viele Blogger und News-Schreiber sich nach ihrem ersten Aufschrei wieder etwas beruhigen werden und statt zu einem alternativen Feed-Reader zu Google+, wo sie eh schon angemeldet sind, greifen werden. Ich habe feststellen dürfen, dass ich mich dort jedenfalls sauwohl fühle und abends über alles informiert, aber nie überfordert, bin.

Und die anderen … die Anderen werden mit Sicherheit eine Alternative zum Google Reader finden. Da bin ich mir ganz sicher.