Der Weg ist das Ziel

Wäre ich ein weiser alter Mann, so würde ich diesen Beitrag mit den folgenden Worten beginnen: „An dem Weg, den du mit deinen Freunden gehst, erkennst du ihre Persönlichkeit.“

Ich bin kein weiser alter Mann, darum beginne ich meinen Beitrag nicht mit den oben geschriebenen Worten, sondern möchte euch von einem sehr guten Freund erzählen, Steven. Wenn ich manchmal jemanden zum Reden brauche, so ist er oft meine erste Anlaufstelle. Egal worum es geht – Steven hat stets ein offenes Ohr. Meistens machen wir dann einen ausgedehnten Spaziergang und reden so lange bis es dunkel wird. Dass ich beim spazieren gehen am besten Nachdenken kann, weiß ich schon lange. Es ist fast schon eine Art Meditation, das Gehen. Sich ständig wiederholende Schritte, gleichmäßiges Atmen, ein Weg, welcher dich zu einem Ziel führt – oder im großen Bogen wieder dorthin zurück, wo du hergekommen bist.

Als wir vor ein paar Tagen wieder mal spazieren gingen, wussten wir nicht so recht wohin wir gehen sollten. Nicht dass uns die bekannten Wege langweilig wurden – wir wussten einfach nur nicht wohin. So liefen wir also los, über uns bekannte Wege, und vertieften uns in eine wahrhaft tiefgründige Diskussion. Es ging um Buddhismus, um Liebe und darum, das Schöne in der Welt zu erkennen, statt ständig das Schlechte verbessern zu wollen. Während wir ganz in unseren Worten versunken waren, merkten wir gar nicht, dass wir statt unserem gewohnten Weg einen Pfad einschlugen, welchen wir normalerweise mieden. Erst als wir schon einige Meter weit gelaufen waren, erkannten wir, dass wir falsch gelaufen waren. Der Weg, den wir genommen hatten, war der, welcher nach ein paar Kilometern einfach mitten zwischen Feldern und Baumgruppen endete. Schluss. Finito. Es ist der einzige Weg in unserer Umgebung, welcher kein Ziel hat, keine Kreuzung oder Gabelung, keine Bank, einfach nur Weg. Früher war ich der Ansicht – so schön dieser Weg auch ist und so toll die Aussicht über das Tal von dort oben aus auch sein mag – dass dieser Weg ein toter Weg ist. Ein Weg ohne Ziel eben. Doch an diesem Tag wurde mir bewusst, dass er mehr ist: Während der Anfang noch breitflächig seinen Platz zwischen den Feldern einnimmt, so wird er zum Ende hin immer enger und schlängelnder. An vielen Stellen hat sich die Natur ihren Lebensraum zurückgeholt und lässt kleine Pflanzen zwischen aufgebröckelten Ritzen empor schießen.

Ein Weg bei Sonnenuntergang
Der Weg ist das Ziel

Während wir weiter diesen Weg entlang schlenderten, wurde uns bewusst, wie besonders dieser Weg doch ist. Die Natur grünt in all ihrer Pracht und bietet einen wahrhaft beeindruckenden Ausblick auf all die umliegende Natur, all die Dörfer und alles das, was ich meine Heimat nennen darf. Am Ende angekommen, merkten wir, dass wir uns noch viel zu viel zu erzählen hatten – der Rückweg würde bei Weitem nicht genügen. Und so beschlossen wir, uns nieder zu lassen, auf dem von den letzten Sonnenstrahlen gewärmten Steinboden, und erzählten und erzählten und erzählten. Bis es dunkel wurde. Erst jetzt erkannten wir, dass uns während der gesamten Zeit kein einziger Mensch begegnet war. Niemand nutzte diesen Weg. Niemand außer uns. Und während wir langsam wieder nach Hause spazierten, unterhielten wir uns über diese Erkenntnis. Darüber, dass wohl viele Menschen andere Wege einschlagen werden, weil sie ein Ziel brauchen. Eine Bank. Eine Gaststätte. Andere Menschen. Umso schöner empfanden wir jedoch die Tatsache, dass wir diesen Weg nun endlich verstanden.

Es ist nicht das Ziel, das einen Weg besonders macht, sondern das Besondere, das einen Weg zum Ziel macht. Wir lieben diesen kleinen, vergessenen Weg. Den Weg ohne Ziel. Und wir werden ihm nun viel öfter einen Besuch abstatten. Dem Weg, den niemand mehr begehen mag.