Ein Land voller Traurigkeit

Wenn ich durch die Straßen ziehe, wie auch wenn ich mich durchs Internet lese, sehe ich so viele Menschen voller Traurigkeit. Ich frage mich dann oft, ob dies nur ein kurzfristiger Zustand ist – einen schlechten Tag hat immerhin jeder einmal – oder ob ihr Leben tatsächlich von so viel Traurigkeit geprägt ist.

Wenn ich in mein eigenes Herz hineinfühle, dann fühle ich ebenfalls viel Leid und Schmerz. Es gibt tausende Dinge, die mich traurig machen, obwohl ich doch glücklich sein müsste. Ich habe ein Dach über dem Kopf, jeden Tag etwas zu essen, ja ich muss nicht einmal zu Fuß durch die Welt laufen, weil ich ein eigenes Auto habe. Ich habe Freunde mit denen ich feiern kann, einen Fernseher, der mich mit Filmen und Shows berieselt, habe einen Laptop, ein Smartphone und Internet.

Nichtsdestotrotz fühle ich Traurigkeit in meinem Herzen – und sehe sie in den Augen meiner Mitmenschen. Eine tiefe Traurigkeit, obwohl es uns doch an nichts fehlt. Prinzipiell müssten wir doch alle glücklich sein. Doch wir sind es nicht.

Ein Land voller Traurigkeit
Ein Land voller Traurigkeit

Ich fühle tiefer in mein Herz hinein und entdecke ein Gefühl. Es ist klein und schwach und ich folge ihm, immer tiefer. Umso weiter ich fühle, desto stärker wird dieses Gefühl. Plötzlich spüre ich, wie es mich erfüllt. Erst schwach, dann immer stärker. Es ist wie dieses Prickeln, wenn du unsterblich verliebt bist, diese Wärme, wenn dir das größte Glück des Lebens widerfährt. Dieses Gefühl, dass du die ganze Welt umarmen könntest.

Ich versuche zu erkennen, woher dieses Gefühl kommt. Irgendwo muss es doch seinen Ursprung haben. Ich finde ihn nicht.

Ich werde aus meinen Gedanken herausgerissen. Mein Smartphone schreit nach mir. Ein Kommentar von Jemandem, der unzufrieden mit sich und seinem Leben ist und diese Unzufriedenheit nun auf seine Mitmenschen überträgt. Ja, ich kenne diese Taktik nur zu gut. Wenn es mir schlecht geht, ertappe ich mich oft dabei. Ich beschimpfe den lahmarschigen Autofahrer vor mir, finde tausend Gegenargumente gegen einen Angesagten Beitrag auf Google+ und manchmal schreie ich auch meine Freunde wegen Nichtigkeiten an.

Es gibt keine bessere Möglichkeit, um wieder neue Energie zu tanken. Dem hab ich es richtig gegeben und seinen beschissenen guten Tag zunichte gemacht. Wenn es mir nicht gut geht, soll es niemandem sonst gut gehen.

Schnell mal die Nachrichten checken. Wieder 10 Tote bei einem Anschlag in Afghanistan. Das geht ja noch. Von den Afghanen halte ich ja eh nicht so viel, die sind der Feind unserer Gesellschaft. Zwei Menschen haben sich von einem Foxconn-Gebäude gestürzt. Diese Chinesen sollen nicht so jammern. Immerhin dürfen sie für Apple verdammt geile Smartphones produzieren. Irgendein Aufsichtsratvorsitzender wurde beim Steuerbetrug erwischt. Oder hat er sich selber gestellt? Egal, die Sau gehört an den Pranger! Kann ja nicht sein, dass hier jemand ungestraft Glück haben darf, während man mir für selbiges den Garaus machen würde. Und sowieso: Ist hier noch irgendjemand mit Doktortitel unterwegs? Ich habe hier noch ein paar ungeworfene Steine im Gepäck.

Ich bin voller Aggression und Wut, wie furchtbar unsere Welt doch ist. Meine Mitmenschen sind alles Arschlöcher, die man am besten lebenslänglich wegsperren solle. Ich schreibe das auf Twitter. Mir geht es besser.

Da war doch noch was. Ich erinnere mich: Dieses Gefühl, dem ich nachging. Hallo Herz, da bin ich wieder.

Schweigen.

Ich konzentriere mich, höre in mein Herz hinein. Nichts. Während ich mir noch Gedanken mache, wo dieses Gefühl auf einmal hin verschwunden ist, bekomme ich eine Erinnerung aufs Smartphone: 20:15 Uhr. Stefan Raab lässt sich mal wieder von jemandem schlagen. Ich liebe diese Sendung. Ab auf die Couch, Chips und Coke natürlich mit dabei. Nach fast fünf Stunden ist die Show vorbei. Raab hat wieder einmal gewonnen. Zum Glück, denn der Kandidat war mir von Anfang an schon nicht sympathisch. Der hat es nicht verdient.

Ich mache mich bettfertig. Heute war ein guter Tag.
Und dennoch: Als ich die Augen schließe, überkommt mich erneut ein Gefühl von Traurigkeit. Ich sehe die Menschen, die heute in der Stadt an mir vorbei liefen, vor meinem inneren Auge. Sie schauen mich mit traurigen, fast leeren Augen an. Ich lächele ihnen zu, denn sie tun mir irgendwie leid, doch sie laufen einfach an mir vorbei. Sie sind nicht tot, noch nicht. Nur leer.

Ich fühle in mein Herz hinein. Leid und Schmerz. War heute nicht ein guter Tag? Ich fühle weiter, immer tiefer. Der Schmerz wird größer.

Mir fallen die Augen zu.
Heute war ein Scheiß Tag.
Ich war scheiße. Zu meinen Mitmenschen.

Und dann ist da wieder dieses Gefühl.
Ich lebe. Mehr denn je!