Öffentlich trotz Überwachung? Aber ja!

Wenn ich Diskussionen über die aktuellen Geschehnisse rund um PRISM, Tempora, NSA und BND verfolge oder selbst führe, stoße ich immer wieder auf Kommentare wie „Kann ich meine Daten sicherer machen?“ oder „Wie kann ich denn nun anonym im Internet surfen?“. Während ich am Anfang selber der Überzeugung war, dass die logische Konsequenz aus diesem Abhörskandal nur eine bessere Verschlüsselung und anonymeres Auftreten im Internet sein könnte, bin ich inzwischen zu einer anderen These gekommen. Michael Seemann hat das in einem Artikel der Zeit sehr schön zusammengefasst.

 

Es ist natürlich schön, sich zu Hause in seinen eigenen vier Wänden zu verkriechen und ungesehen seinen kleinen Lastern zu frönen, während man nach Außen hin ein perfektes und makelloses Selbstbild aufrechterhält. Es mag auch schön sein, zu Hause Dinge zu tun, die an der Grenze zur Illegalität stehen, ja, möglicherweise sogar eine Straftat darstellen. Solange das niemand weiß, ist es doch okay. Dass sich das Internet hervorragend dazu eignet, Schabernack zu treiben (An dieser Stelle möchte ich den geneigten Leser darauf hinweisen, dass ab sofort auch das Kommentieren meiner Artikel als „Gast“ möglich ist.) und Dinge zu tun, die man auf offener Straße niemals täte, ist wohl jedem hier bewusst. Es rennt eben niemand mit einem Aufnahmegerät in den Plattenladen, reißt alle CD-Hüllen auf und „rippt“ sich mal eben schnell die gesamte Musik. Das geht im Internet locker flockig von der Hand und darum tun es auch viele. Klar, dass Anonymität in diesem Fall etwas ganz wunderbares ist. Ich möchte weder die sogenannten Raubkopierer, noch die Musikindustrie hier verteufeln und meiner Meinung nach haben sie auch überhaupt nichts mit meinem Thema zu tun, denn hier geht es um ein Grundsatzproblem. Wenn alle Menschen des Landes etwas tun, zum Beispiel Musik kopieren, dann muss darüber geredet und eine offene Diskussion geführt werden. Darum geht es hier nicht.

Es geht auch nicht darum, ob es gut oder schlecht ist, dass die NSA und der BND uns überwachen. Das ist ganz klar ein Verstoß gegen unsere Rechte und somit in keinster Weise duldsam. Wir müssen aber der Tatsache ins Auge blicken, dass wir überwacht werden und dass auch kein Gesetzesbeschluss etwas daran ändern wird. Selbst wenn wir hier in Deutschland den BND dazu bekämen, ab sofort jegliche Überwachung zu unterlassen, würden NSA und Konsorten weiterhin nach ihrem eigenen Recht handeln. Selbst wenn wir uns hier in Deutschland technisch nach bestem Wissen abschotten, werden unsere Daten dennoch auch nach Amerika wandern. Google, Facebook, Twitter … all diese Firmen sind in den USA ansässig. Es gibt derzeit keine guten Alternativen hier in Deutschland und ich stelle die These auf, dass sich das in absehbarer Zeit auch nicht ändern wird. Wir müssen also mit dem Gedanken Freundschaft schließen, dass wir im Internet, und auch im Rest unseres alltäglichen Lebens, überwacht werden. Nur zur Verdeutlichung: Payback-Punkte, EC-Karten, Smartphones, Verkehrsüberwachungskameras, ja, sogar gewöhnliche Überwachungskameras, übertragen alle ihre Daten entweder online oder sind zumindest mit Geräten gekoppelt, die Zugang zum Internet besitzen. Sobald ein Gerät Internetzugang hat, ist es einem fremden Angreifer möglich, von irgendwoher Zugriff auf dieses Gerät zu erlangen und Daten auszuspähen. Das sollte für die NSA ein leichtes sein, haben sie doch genug geschultes Personal, Technik und erfolgreiche Kooperationen mit vielen großen Firmen wie Microsoft, Apple & Co.

Überwachungskamera im Finanzdistrikt New York
Überwachungskamera im Finanzdistrikt New York

Es gibt nun etwas, das mich weitaus mehr beunruhigt: Was, wenn Geheimdienste unsere Daten manipulieren? Was, wenn die Polizei morgen kinderpornografische Inhalte auf meinem Rechner findet, den sie heute beschlagnahmt hat, weil gestern jemand eben diese Daten dort drauf kopiert hat? Was, wenn mir plötzlich falsche Meinungen unterstellt werden, weil ich angeblich E-Mail Korrespondenz mit einem Schwerverbrecher hatte? Diese Überlegungen sind gar nicht so abwegig. Selbst Laien können E-Mails leicht fälschen und auch das Kopieren von Dateien auf einen fremden Rechner ist mit ein bisschen Know-How kein Hexenwerk. Wir reden hier immerhin von Geheimdiensten, die massenweise Geld dafür bekommen, sich in solchen Dingen zu spezialisieren.

Ich denke, dass wir in einer Zeit angekommen sind, in der unsere Privatsphäre einen immer kleineren Teil unseres Lebens einnimmt. Als meine Mama mir damals sagte „Kind, pass auf, mit wem du im Internet schreibst. Verrate niemandem deinen richtigen Namen“, da waren wir gerade dabei das Internet zu entdecken. Wir waren es gewohnt, dass wir einem Fremden auf der Straße nicht folgen dürfen. Heute folge ich auf Twitter mehr als 500 Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Das Internet hat unser Verständnis von Privatsphäre gewandelt. Warum sonst lachen wir, wenn Leute ihr Haus bei Google Streetview verpixeln lassen?! Ich habe in all den Jahren keine schlechte Erfahrung gemacht, fremden Menschen im Internet die Hand zu geben. Ich poste öffentlich auf Google+ und Facebook, schreibe auf Twitter, was ich morgens nach dem Aufstehen mache und wie ich meinen Nachmittag verbracht habe. Ich lasse meinen Gedanken auf meinem Blog hier freien Lauf und checke auf Foursquare in die Restaurants und Bars ein, die ich besuche. Es geht mir sehr gut dabei und ich bekomme wahnsinnig positives Feedback von den Menschen, die mir wiederum folgen.

Wenn ein Geheimdienst unsere Daten manipulieren möchte, dann ist es ihm ein leichtes, unsere Festplatte mit bösartigen oder illegalen Dateien zu kompromittieren. Es mag ihm auch leicht fallen, eine E-Mail Korrespodenz vorzutäuschen. Er wird jedoch ein unglaubliches Problem haben, meinen Beitrag auf Google+ zu ändern oder zu löschen. 1400 Menschen lesen was ich schreibe. Irgendjemand wird den Originalartikel gelesen haben und irgendjemand wird sich wundern, wenn er gelöscht wurde. Genug werden nachhaken, wenn ich behaupte, dass meine Daten manipuliert oder gelöscht wurden. Ich erinnere mich noch gut daran, als Domian, ein Moderator von 1LIVE, ein Facebook-Posting gelöscht wurde. Innerhalb kürzester Zeit musste Facebook sich entschuldigen, weil tausende Fans einen Wirbel darum machten. Das Internet vergisst nicht. Wenn ein Blog-Artikel heute gelöscht wird, so ist er morgen noch in diversen Cache- und Archiv-Seiten wie archive.org zu finden.

Es mag ein Quantensprung sein, von heute auf morgen seine bisherige Denkweise über den Haufen zu werfen. Ich sage nicht, dass ich kein Befürworter von Privatsphäre bin. Im Gegenteil schätze ich meine Privatsphäre hoch. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass Privatsphäre in der heutigen Zeit in diesem System Utopie ist. Wir besitzen keine Privatsphäre, wenn uns Programme wie PRISM und Tempora überwachen. Wir können uns aber gegen die Willkür der Geheimdienste NSA, BND & Co. zur Wehr setzen, indem wir unsere Daten mit unseren Freunden und unseren Bekannten teilen. Ja, ich vertraue meinen Freunden auf Facebook, meinen Followern auf Twitter und meinen Kreislingen auf Google+ mehr als jeder Regierung. Während die Einen meine Daten missbrauchen, werden die Anderen im schlimmsten Fall darüber lachen, dass ich heute Morgen meine Socken falsch herum angezogen habe. Und das dürfen sie gerne, denn wenn es hart auf hart kommt, werden sie Zeugen meiner Unschuld und Kämpfer gegen die Ungerechtigkeit, welche mir widerfährt, sein. Das ist es, was wir tun müssen. Wir brauchen ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Wir sollten nicht gegeneinander, sondern miteinander kämpfen und wenn ich in letzter Zeit immer häufiger sehe, wie wir alle genau das tun, dann erfüllt mich das mit einem gewissen Stolz. Wir können etwas bewegen, ohne viel dafür zu tun. Wir müssen nur achtsam sein, was um uns herum passiert und stets die Wahrheit suchen. Dann kann uns kein Geheimdienst und keine Regierung dieser Welt irgendetwas anhaben.

Und genau darum bitte ich dich: Teile diesen Artikel mit deinen Freunden. Auf Facebook, auf Twitter, auf Google+ oder wo auch immer du dich selbst im Internet bewegst. Tu es, damit wir öffentlich machen, was an die Öffentlichkeit gehört. Damit dieser Artikel auch morgen noch im Internet steht und an seiner Statt kein niedliches Katzenbild prangert. Ich habe mich in der Öffentlichkeit noch nie wohler und sicherer gefühlt als heute.

Veröffentlicht von

Thorsten Edinger

Hallo, ich bin Thorsten! Saarbrücker, für den die Welt keine Grenzen besitzt, Wanderer, iPhone-Sympathisant und Gründer dieses Blogs.

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