Liebe

Die Umstände, unter denen wir uns wieder getroffen hatten, waren nicht wichtig. Wichtig war nur, dass sie in meiner Nähe war. Nach einer schier unendlich langen Zeit, in der ich sie so sehnsüchtig vermisst hatte, fühlte ich mich beinahe wie der glücklichste Mensch auf Erden. Sie war da, und auch wenn wir nicht wirklich miteinander redeten, war sie gewillt, in meiner Nähe zu sein. Nach allem was passiert war, war das ein enormer Schritt ihrerseits – immerhin hatte sie mich mehr als ein Jahr lang mit berechtigter Missachtung und Ignoranz gestraft.

Es war Abend und während ich schon im Bett lag, beobachtete ich vorsichtig, wie sie sich ebenfalls bettfertig machte und in die andere Hälfte meines Doppelbetts legte. Es war schön, sie so nah zu haben, gleichwohl ich sie lieber noch näher gehabt hätte. Ich sollte zufrieden sein mit dem, was ich bekam: Sie schlief bei mir. Ich war glücklich.

Ich war kurz davor einzuschlafen, als ich auf einmal Hände an meinem Rücken spürte, die sich unter meinen Armen hindurch drückten und dann fühlte ich ihr gelocktes Haar auf meiner Schulter. Sie war da, näher, als ich es je wieder zu hoffen gewagt hätte. Ich genoss den Augenblick in dem die Zeit stillzustehen schien. Ich konnte den zarten, betörenden Duft riechen, den ich so lange vermisst hatte, die wohlige Wärme spüren, während sie sich gegen meinen Rücken drückte – so wie sie es früher immer getan hatte, wenn ihr kalt war, oder sie schlecht geträumt hatte. Langsam drehte ich mich um und blickte in ihre traurigen Augen, die genau das sagten, was ich dachte: Ich habe dich vermisst.

Mein Gott, wie sehr hatte ich sie vermisst. Ich nahm sie fest in meine Arme, spürte, wie sich unsere Haut berührte. Wir küssten uns eng umschlungen. Ich wollte keinen Millimeter zwischen uns haben. Ich wollte sie einfach in meiner Nähe haben. Für immer. Ich genoss jede einzelne Berührung unserer Körper und war schier überwältigt von dieser plötzlichen Intimität, welche mir so lange gefehlt hatte, die sich aber so selbstverständlich anfühlte, als sei es erst gestern gewesen. Selbstverständlich dahingehend, dass es das ist, was ich zum Leben brauche. Das war es, dieses vollkommene Glück, nach dem ich so lange gesucht hatte. Ich glitt mit meinen Händen durch ihre struppeligen Haare , kaum fassend, was hier gerade passierte. Vollkommen unbeholfen stammelte ich ein „Es tut mir leid“, obwohl ich wusste, dass keine Worte der Welt mehr das wiedergutmachen konnten, was ich ihr angetan hatte. Aber Worte waren zu diesem Zeitpunkt sowieso fehl am Platz. Sie sah mich an, wir küssten uns lange inniglich und dann brach ich in Tränen aus. Ich weinte nicht vor Freude, sondern weil ich sie auf so brutale Weise verletzt hatte. Sie, die Frau, die ich liebe und der ich damals geschworen hatte, dass ich sie niemals verletzen und immer für sie da sein würde. Ich war das Arschloch gewesen und sie hatte mir verziehen. Das war noch schlimmer und unerträglicher, als dass sie mich so lange vollkommen ignoriert hatte. Sie tröstete mich verständnisvoll und nahm mich in den Arm. Ich war der glücklichste und der unglücklichste Mensch auf der ganzen Welt.

Dann wachte ich auf, Tränen in den Augen – es war nur ein Traum. Ich liebe sie von ganzem Herzen.

Veröffentlicht von

Thorsten Edinger

Hallo, ich bin Thorsten! Saarbrücker, für den die Welt keine Grenzen besitzt, Wanderer, iPhone-Sympathisant und Gründer dieses Blogs.

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